Vogelschutzgebiet „Hauke-Haien-Koog“

Löffler

Der etwa 1.200 Hektar große Hauke-Haien-Koog wurde 1958/1959 eingedeicht. Seinen Namen erhielt der neue Koog vom Deichgrafen „Hauke Haien“, Hauptfigur in Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“. Bei der Planung der Baumaßnahme stand erstmalig nicht allein die Landgewinnung für die Landwirtschaft im Vordergrund.

Vorrangiges Ziel war vielmehr, Speicherraum für anfallende Wassermassen aus dem Binnenland zu schaffen, die bei Weststurm nicht frei in die Nordsee ablaufen konnten und zurückstauten. Im Laufe der Jahre entwickelten sich die beiden Speicherbecken zu wertvollen Lebensräumen für brütende und rastende Vögel. Aufgrund der international hohen Bedeutung wurde das Gebiet 2006 zum Europäischen Vogelschutzgebiet erklärt und ist damit Bestandteil des Europäischen ökologischen Netzes „NATURA 2000“.

Geschichte

Die Nordseeküste mit dem weltweit einzigartigen Wattenmeer ist eine dynamische Landschaft, die ihr Gesicht innerhalb kürzester Zeit ändern kann. Bis in das 12. Jahrhundert hinein war die Moor- und Marschlandschaft an der Küste Nordfrieslands weitgehend menschenleer. Die ersten Siedler bauten Warften. Die Großen Mandränkenund andere Sturmfluten ließen weite Marschflächen versinken. Durch den Bau von Deichen wurden Teile des Landes zurückgewonnen. Die neu geschaffenen Köge dienen der Landwirtschaft aber auch der Sicherung des Hinterlandes vor Sturmfluten oder zur Aufrechterhaltung der Vorflut. Mit der Eindeichung des Hauke-Haien-Kooges wurdenerstmalig neue Wege in der Wasserwirtschaft beschritten. Unter Ausnutzung des natürlichen Reliefs wurde der neue Koog in einen 500 Hektar großen landwirtschaftlich genutzten Teil und eine 700 Hektar große wasserwirtschaftliche Anlage mit zwei Speicherbecken aufgeteilt.

Die Speicherbecken

Mit dem Bau des Kooges wurden die letzten Kilometer der Unterläufe der Lecker- und der Soholmer Au nach Norden verlegt und mündeten nun über das neue Sperrwerk, dasSchlüttsiel“, in die Nordsee. Die beiden Flüsse entwässern ein riesiges Einzugsgebiet von 720 km² in die beiden Speicherbecken. So wurde sichergestellt, dass bei geschlossenem Siel, z.B. bei Sturmfluten, das Niederschlagswasser, das die beiden Flüsse aus bis zu 40 km heran transportieren, nicht die tiefliegenden Flächen der Marsch überschwemmt.

Pflanzen- und Vogelwelt

Säbelschnäbler

Nach der Eindeichung breiteten sich auf den trockenfallenden Wattflächen schnell Salzwiesen mit Rotschwingel und Salzbinse aus. Auf den tieferliegenden, salzhaltigen Böden wuchsen Andelgras und andere Salzspezialisten. Mit der Abnahme des Salzgehaltes setzten sich nach und nach Süßwiesengesellschaften durch. Von den Rändern der Wasserflächen breiteten sich dichte Schilfröhrichte aus, die heute mehrere hundert Hektar bewachsen. Mit dem Wandel der Vegetation veränderte sich auch das Artenspektrum der Brutvögel. Waren in den ersten Jahren noch Küstenvögel wie Lachmöwe, Seeschwalben sowie Wiesenbrüter wie Kiebitz, Rotschenkel oder Uferschnepfe häufig, prägen heute die Bewohner der Röhrichte die Vogelwelt des Kooges, darunter die gefährdete Rohrdommel oder die seltene Bartmeise. Der in Schleswig-Holstein gefährdete Schilfrohrsänger hat hier mit über 150 Paaren einen wichtigen Brutplatz. Für die Säbelschnäbler wurde im Nordbecken eine künstliche Brutinsel angelegt, die Schutz vor Raubsäugern bietet. Vom Herbst bis ins Frühjahr rasten im Koog Tausende von Zugvögeln. Neben den riesigen Graugans-Pulks (im Juni über 10.000 Exemplare) und Pfeifenten-Beständen (im September über 20.000 Exemplare) prägen besonders die Flugmanöver der großen Alpenstrandläufer-Schwärme die herbstliche Aufbruchstimmung im Gebiet. Unter den 240 Vogelarten befinden sich etliche Seltenheiten und originelle Gäste. So verbringen alle bislang als Jungvögel beringten Löffler der Brutkolonie auf der Hallig Oland hier den Spätsommer. Mit etwas Glück sieht man auch einzelne Silberreiher am Schilfrand entlang stolzieren.

Entwicklung der Brutvogelbestände

Löffelente

Bereits Ende der 1970er Jahren besiedelte das Schilf die Flachwasser- und Uferbereiche großflächig und es entwickelten sich die ersten Weidengebüsche. Bis dahin waren hunderte von Hektar noch vegetationslose Wattflächen und Salzwiesen. Diese offenen Flächen waren hervorragende Lebensräume für Küstenvogelarten und auch Wiesenvögel, die hier in hohen Zahlen brüteten wie Lachmöwe, Küsten- und Fluss-Seeeschwalbe, Uferschnepfe, Kiebitz, Rotschenkel oder Kampfläufer. Die allmähliche Aussüßung der eingedeichten Flächen und der damit einhergehende Verlust kurzrasiger Flächen durch die Ausbreitung des Schilfrohrs wurde zunächst mit Sorge gesehen. Versuche die niedrigwüchsigen Flächen für anspruchsvollere Offenland-Arten offen zu erhalten, blieben erfolglos. Heute besiedelt das Schilf mehrere hundert Hektar vor allem im Südbecken. Die Trends dieser Sukzession zeigen sich deutlich in der Entwicklung der Brutvogelbestände. Während Schilfbrüter wie Schilfrohrsänger, Graugans oder Rohrammer heute teilweise landesweit bedeutsame Bestände erreicht haben, sind die Küsten- und Wiesenvogelarten erwartungsgemäß deutlich zurückgegangen. Immerhin ließen sich durch naturschutzgerechte Beweidung die Bestände des Kiebitzes stabilisieren. Andere Arten, wie Uferschnepfe, Rotschenkel oder Kampfläufer ließen sich dagegen – auch infolge der überregionalen Abnahmetrends – auch in diesem Gebiet nicht in den früheren Dichten halten.

Ein Paradies für Küstenvögel

Abendsonne im Hauke Haien Koog

Das Vogelschutzgebiet „Hauke-Haien-Koog“ ist einerseits eine wasserwirtschaftliche Anlage, die sich seit dem Bau über Jahrzehnte zum Süßwasserbiotop entwickelt hat. Andererseits ist hinter dem Deich ein Vogelparadies von internationaler Bedeutung entstanden. Der Hauke-Haien-Koog reiht sich in eine Kette von neun „Naturschutzkögen“ an der schleswig-holsteinischen Westküste ein, in denen sich die ursprünglichen und naturnahen Lebensräume der Marsch wieder entwickeln konnten. Hier finden die Küstenvögel ausreichend unzugängliche und störungsarme Bereiche, um zu brüten, rasten oder zu mausern. Seit Anfang der 1990er Jahre mausern immer mehr Graugänse in Schleswig-Holstein. Der Hauke-Haien-Koog ist heute ihr wichtigster Mauserplatz in Deutschland. Tausende Nichtbrüter suchen das Gebiet im Mai und Juni auf. Es ist ein besonderes Naturerlebnis, das von eigens für die Vogelbeobachtung gebauten Parkbuchten sowie von der Deichkrone aus hervorragend zu erleben ist. Dabei ist anzuraten, das Auto nicht zu verlassen, da sonst die Vögel im weiten Umkreis verscheucht werden. Zudem bietet der Verein Jordsand Führungen in das Vogelschutzgebiet an.

Pflege und Entwicklung

Zur dauerhaften Sicherung und Entwicklung der internationalen Bedeutung des Vogelschutzgebietes Hauke-Haien-Koog werden gezielt Maßnahmen durchgeführt: Um das Feuchtgrünland als Bruthabitat für Wiesen- und Küstenvögel sowie als Nahrungs-/Rastfläche für Schwäne, Gänse und Enten offen zu halten, werden die Flächen naturschutzgerecht beweidet. Auch zur Mauser bevorzugen die Tiere störungsarme Flachwasserbereiche mit kurzrasiger Randvegetation. Größere Teilbereiche des Kooges bleiben einer natürlichen Entwicklung überlassen. Davon profiteren vor allem Vogelarten wie Tüpfelralle, Rohrweihe oder Blaukehlchen. Ein Großteil des Hauke-Haien-Koogs ist von Schilfröhrichten erobert. Sie werden teilweise jährlich gemäht. Ein hoher Altschilfanteil fördert typische Arten wie die Rohrsänger.